Mehr als 2000 Seiten umfaßt ein Gutachten, das die die Schweizer Entsorgungsgesellschaft Nagra zur Frage der Geeignetheit des Standortes umfaßt hat.
Dem einzelnen Bürger wird nicht zugemutet, dieses Gutachten zu lesen.
Das heißt: ganz im Sinne einer repräsentativen Demokratie wird von Experten und den beauftragten Volksvertretern eine Vorentscheidung getroffen.
Die Stimmbürger brauchen nur über ein nach Expertenmeinung geeignetes, also nach derzeitigem Stand des Wissens an sich "unbedenkliches" Vorhaben zu entscheiden.
Man sollte denken, daß an solchen Entscheiden nur informierte Bürger überhaupt teilnehmen sollten - doch ist dem Recht zur Wahlbeteiligung keine Pflicht zur "Fortbildung" vorgeschaltet - auch dies im Sinne der repräsentativen Demokartie, ließe sich argumentieren: mit einem uninformierten "Ja" schließt sich der Stimmbürger der Entscheidung der von ihm gewählten Volksvertreter an. Mit einem uninfomierten "Nein" entzieht er ihnen das Vertrauen, jedenfalls in bezug auf diese Sachfrage. Es müßte dann Sache der Volksbeauftragten sein, mittels die Bevölkerung aufzuklären und eine Ablehnung ihrer Vorlage zu verhindern (ein "Nein" kann ja aus der Sicht der Politiker nur mangels Sachkenntnis des Stimmbürgers erfolgen, denn den Volksvertretern kann nicht unterstellt werden, sie würden eine sachlich unrichtige Lösung ihrem Stimmvolk zur Genehmigung vorlegen).
Damit ist die Frage aufgeworfen, ob nicht gerade in bezug auf Plebiszite "à l a Suisse", die sich auf konkrete Sachprobleme beziehen, die Möglichkeiten der modernen Gesellschaft auszuschöpfen sind.
Ist es nicht dringend notwendig, die Gegebenheiten und Errungenschaften der heutigen Zeit zur Verbesserung auch der politischen Entscheidungsprozesse einzusetzen? Muß nicht die "Wahl-Werbung" von einer "Unterrichtung" abgelöst werden? Wo doch die Entscheidung über ein Ja/Nein zur Atomkraft sinnvollerweise vom Stand des Wissens abhängt. Eine Risikoabwägung wird immer "Geschmackssache" bleiben, nicht aber deren Grundlage, nämlich die Kenntnis der physikalischen, naturwissenschaftlichen und technischen Fakten.
Eine Demokratie, die vor allem zum Thema "Gerechtigkeit" entstand, also vor allem moralische Probleme der Verteilung, des Budgets, der knappen Mittel, von Sparsamkeit und "Ökonomie" zu lösen hat, funktioniert möglicherweise nicht wie geplant, wenn Fragen, die die Lebensgrundlagen aller betreffen per Mehrheitsprinzip entschieden werden - einem Mehrheitsprinzip, das für das Verteilen eines Kuchens entwickelt worden ist, wobei dieser Kuchen "gemeinsam" gebacken wurde - nicht zufällig ist der Stimmbürger im Prinzip immer auch Steuerzahler.
Dass eine Verfassung, die vom mündigen, moralisch denkenden Menschen ausgeht, neue Probleme vielleicht doch noch nicht in ihrer Bedeutung erkannt hat, zeigt die Bundesrepublik Deutschland, wo etwa eine Änderung bei den Rechten von mit "Lauschangriffen" Betdrohten als Verfassungsänderung eine 2/3-Mehrheit der Abgeordneten erfordern, die keineswegs in ironischerweise als Schicksalfrage zu klassifizierende Entscheidung über den Einsatz von Atomkraft jedoch von einer mit einfacher Mehrheit für vier Jahre gewählten Regierung getroffen werden kann.
Dann wäre es vielleicht konsequenter, man würde die Atomkraft "endgültig" dem Spiel der freien Marktkräfte überlassen, wie das in vielen wichtigen anderen Fragen auch geschieht - und sei dies auch nur die Modellpolitik der Autobmobilhersteller.
Als denkbare Alternative taucht hier eine "Ausbildungspflicht" auf: wenn dem Autofahrer eine langwierige Ausbildung zugemutet wird, wenn er autofahren will, ist dann nicht auch dem Stimmbürger eine Fortbildung bzw. ein Prüfung in naturwissenschaftlichen Fragen abzuverlangen, will er sich am Entscheidungsprozess über diese Frage beteiligen?